Echte Elternzeit
Das Elafonisos Dünenkleid

Das Elafonisos Dünenkleid

Ein Burdakleid mit Tücken

Ich hasse es.

Vielleicht kein optimaler Anfang für einen Blogbeitrag aber es ist die Wahrheit. Dieses Burdakleid hat mich in den Wahnsinn getrieben. Der Stoff unmöglich zu verarbeiten. Der Schnitt aus riesigen Teilen, die ich im Wohnmobil nirgendwo richtig zuschneiden kann und kleinen Teilen die nicht zusammenpassen. Die Anleitung eine Mischung aus Suaheli und kryptischer Rätsel.

Ich liebe es.

Dieser Stoff, dieser Fall, dieser Druck, dieses Leichte, Flatterhafte. Darin bin ich eine Elfe, nein eine Göttin. Ich ziehe es nie wieder aus!

Zuschnitt

Ich fange von vorne an. Schon letztes Jahr wollte ich so gern ein Volantkleid. Temporär im Körper eines Wals war das aber einfach Quatsch. Aber der Schnitt der es mir besonders angetan hatte, ein Burdaschnitt, landete in meinem Speicher und wartete auf Einsatz.

Im Frühjahr war ich zu einem Familientreffen in Dresden. Praktischerweise fand dort an genau diesem Wochenende der Holland Stoffmarkt statt und ich hatte Gelegenheit hinzugehen. Diese zarte Viskosewebware mit floralem Druck, kleinen Vögelchen und Schmetterlingen hatte es mir angetan und landete im umweltfreundlichen Stoffbeutel.

Klar, dass es beides in meine Kiste schaffte. Ein Blick auf die Dünen von Elafonisos und ich sah mich in genau  diesem Kleid genau dort stehen.

Obwohl hier wirklich der Planet brennt (Griechenland im Juni, ganz genau so wie man es sich vorstellt) kämpfte ich mit dem Schnittmuster. Das Papier zusammenkleben und ausschneiden geht ja noch gut draussen auf unserer Matte. Dabei wurde mir aber erstmal wirklich bewusst, dass der Schnitt hauptsächlich aus durchgängigen Vorder- und Rückenteil besteht. Überwiegend weißen Stoff auf unserer Aussenmatte zuzuschneiden ist keine Option. Egal wieviel fegen, so sauber bekomme ich das Ding nicht. Im Wohnmobil drinnen gibt es praktisch keinen freien Fussboden und der Tisch reicht maximal für ein Oberteil ODER einen Rock. Die einzige Fläche die groß genug für diese Schnittteile ist, ist das Bett.

Jetzt stellt euch bitte eine Fläche von 2m x 1,2m vor, die von dreieinhalb Seiten von Wänden umschlossen ist und an drei Seiten Oberschränke hat, die auf optimaler Stirnanschlaghöhe montiert sind. Auf weichem Untergrund Nadeln durch Stoff und Papier stechen ohne die Matratze mitzunehmen ist wohl offensichtlich eine Challenge für sich. Der Stoff der sich noch dazu zieht und zuppelt wie ein zu kleiner Schlüppi auf Ausflug gab mir einfach nur den Rest. Vier Tage brauchte ich, um lächerliche sieben Teile zuzuschneiden, weil ich eigentlich nach jedem einzelnem Teil hinschmeissen und lieber das Klo putzen oder Kinderkotze von Hand aus Bodys waschen wollte. Ich war streckenweise zwischen fluchen, heulen und mich selbst auslachen, dass ich meinen Mann irgendwann bat das mal bildlich festzuhalten…ich habe den Eindruck zumindest einer hatte sein Vergnügen.

Stoff zuschneiden im Wohnmobil

 

Schnittmusteranpassung

Das ist bei weitem nicht mein erstes Burdakleid und ich bin noch nie ohne Änderungen ausgekommen, also auch hier nicht. Der Schnitt ist eigentlich für Stoffe mit zwei schönen Seiten gedacht. Wieviele gibt es davon schon und welche davon sind nicht exorbitant teuer? Mir sind bisher fast nur unifarbene Stoffe dieses Typs über den Weg gelaufen. Daher hier eine kleine Änderung. Eigentlich wird das Vorderteil mit dem über die Brust hängendem Teil in einem Stück zugeschnitten und einfach umgeschlagen. Dann würde also die linke Seite sehr präsent sein. Mein Stoff hat zwar keine wirklich unschöne Rückseite, das wäre bei den Volants eher doof, aber der Druck ist eben nur von vorn schön anzusehen. Also habe ich hier einfach das Schnittmusterteil an der eigentlichen Faltlinie zerschnitten. Dabei fiel mir auf, dass dieses Teil genauso weit bzw. schmal geformt ist wie das darunterliegende Vorderteil. Den Schnitt hatte ich insbesondere wegen seiner Volants ausgewählt, den vorderen Überhang wollte ich dementsprechend etwas volantiger als im Original. Dafür habe ich dieses Schnittteil einfach im Fadenlauf bis knapp an den oberen Rand aufgeschnitten, etwas aufgedreht und ein Stück Papier druntergeklebt. Die untere neu entstandene Linie etwas harmoniseren und fertig ist das neue Flatterstück.

Schnittmusteranpassung

Ansonsten ist es undurchdacht von Burda, dass die beiden Volants die die linke Schulter bedecken, auf dem Papier ein Stück sind. Um das Schnittteil für den schmaleren Volant zu erhalten, muss man es aus dem größeren herausschneiden. Wenn man den Papierschnitt kauft, in der Absicht alles anzupausen, ist das wurscht. Druckt man allerdings den Digitalschnitt zum ausschneiden, ist es ziemlich doof was die Wiederverwendbarkeit des Schnittmusters angeht.

Volantzuschnitt

Da der Stoff so zart ist, wollte ich den Reissverschluss weglassen. Ich fürchtete, dass der Reissverschluss schwerer wäre als der Rest des Kleides. Also habe ich erst die Seitennähte geschlossen und mich dann an die Abnäher herangetastet, bis die Passform so körpernah wie möglich war und ich dennoch keinen Verschluss benötigte.

Der Saum sieht  auch etwas anders aus als im Original. Ist gewollt. Ehrlich! Hat nichts mit Zuschneideproblemen zu tun.

Letzte Änderung: ich hab das Futter weggelassen. Wir haben hier 34 Grad. Ist klar, oder!?

Versäubern ohne Overlock

Ich bin so verwöhnt von meiner Overlock, dass ich sie immer benutze, selbst wenn eine andere Methode geeigneter oder schöner wäre. So gesehen gar nicht so verkehrt, dass ich jetzt gezwungen bin mich wieder mit anderen Arten der Innenverarbeitung zu befassen.

Bei den Seitennähten kamen französische Nähte zum Einsatz, an den Volants der Rollsäumer und bei allen anderen Nähten habe ich die Stoffkanten verstürzt.

Bei einer französischen Naht wird einfach zuerst links auf links der Stoff zusammengenäht, dann die Nahtzugabe knapp zurückgeschnitten, umgeschlagen und dann rechts auf rechts zusammengenäht. Die offenen Stoffkanten sind dann von zwei Nähten umschlossen und verschwinden. Der Vorteil ist die Eignung auch für zarte Stoffe und es ist recht einfach zu machen. Nachteil – wenn die Naht nicht sitzt ist es aufwendig wieder auzutrennen.

Der Rollsäumer ist ein Lieblingsnähfuss von mir. Eine kleine metallene Schnecke legt den Stoff zweimal um und die Nadel steppt den Saum dann fest. Funktioniert nicht für alle Stoffe und nur bei Geraden oder sehr sanften Rundungen aber ansonsten ist es genial. Man muss nur sehr genau auf die korrekte Führung des Stoffes achten, damit der Fuss ihn richtig greifen kann.

Rollsäumer

Verstürzte Nähte sind letztlich die Umkehr von Trick 17. Hier näht man zuerst einen Stoffstreifen rechts auf rechts fest und schlägt ihn dann nach innen um. Es ist dann wie eine Art umgeschlagener und festgesteppter Belegt. Bei diesem zarten Stoff sorgte das gleich noch für etwas Stabilität am Rückenausschnitt.

Fotosession

Von Anfang an hatte ich von diesem Kleid in den Dünen geträumt. Dann war es endlich fertig und wir hatten einen seltenen windstillen Tag mit klarem blauem Himmel. Das Kind war friedlich und entspannt und bespielte sich selbst für ganze sechseinhalb Minuten, während wir ganze vier Meter entfernt von ihm (OH MEIN GOTT) Fotos machten. Das Licht perfekt, meine Haare sitzen, keine Leute laufen durchs Bild. Mein Mann macht voll motiviert bestimmt 100 Bilder.

Die Kamera speichert genau eins.

Natürlich ein unscharfes.

AAAAAAAAAAAAAAAAAAARGL und ich weiß bis heute nicht warum, das macht mich noch irre.

Also gut Tags darauf ein zweiter Anlauf. Das Licht fast genauso schön, das Kind fast genauso geduldig, die Bilder fast scharf aber immerhin gespeichert.

Ich glaube meine kleine Selbstquälerei hat sich durchaus gelohnt!

Burda Kleid

Dünenkleid

Burdakleid Rücken

Burda Volantkleid

 

Da ich diesen Beitrag rechtzeitig zum Donnerstag fertig habe, freue ich mich an der Linkparty von www.naehfrosch.de  „Du für Dich am Donnerstag“ teilnehmen zu können. Dort könnt ihr zahllose andere Werke, Blogs und Handarbeiter*innen finden und euch zum werkeln für euch selbst inspirieren lassen!

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6 thoughts on “Das Elafonisos Dünenkleid”

  1. Vielen Dank für diesen lustigen Beitrag. Dein Kleid ist wunderschön und dabei hatte ich es im Burda Heft gesehen und war so gar nicht begeistert. Wie man sich irren kann !

    Die Bilder im Sand mit Licht und Wind sind voll der Hammer. Habt ihr toll gemacht.

  2. Wunderbar! Ich habe mich nicht gelangweilt beim Lesen 😉
    Fantastisch ist auch die Erkenntnis das es bei Anderen auch nicht immer glatt geht.
    Das Kleid ist erste Klasse! Es steht Dir so etwas von gut. Die Mühe hat sich auf jeden Fall gelohnt!
    Etwas Lob hat auch Dein Mann verdient, für die schönen Bilder.
    Liebe Grüße, Marita

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