Echte Elternzeit
IVF – eine sachliche Perspektive

IVF – eine sachliche Perspektive

Heute ist der 40. Geburtstag des ersten nach erfolgreicher IVF geborenen Kindes, Lousie Joy Brown. Die Methode wurde in den 1960er und 1970er Jahren von Robert Edwards, der 2010 dafür den Nobelpreis für Medizin erhielt, und Patrick Steptoe entwickelt. (Quelle Wikipedia)

 

Ein Anlass in vielen Medien, um mal wieder über IVF und ganz allgemein medizinische Möglichkeiten und Grenzen zu debattieren und diverse hochemotionale Erfahrungsberichte zu publizieren.

 

Als Patientin dieser Behandlungsmethode verstehe beides nicht so recht. Bevor ich meine persönliche Perspektive niederschreibe, möchte ich allerdings mal mit Sachlichkeit anfangen. Das ist etwas was in der öffentlichen Debatte meist fehlt.

Der sachliche Teil

IVF bedeutet In Vitro Fertilisation, also die Befruchtung einer Eizelle mit einem Spermium in einer Reagenzschale.  Damit das klappt wird die Frau medikamentös hormonell stimuliert, um möglichst mehrere Eizellen zur Reifung zu animieren. Diese werden dann in einem kurzen, ambulanten Eingriff entnommen. Währenddessen darf der Partner Spass mit einem Becher haben. Eine Biologin sucht die aussichtsreichsten Kandidaten unter Eizellen und Spermien aus und bringt diese zusammen. Einige Tage wird im Brutschrank geschaut, ob sich die Zellen zu teilen beginnen. Der bestaussehendste Zellhaufen wird dann der Patientin eingesetzt, manchmal aus zwei, zumindest in Deutschland nur in Ausnahmefällen drei. Sollte es noch mehrere erfolgreiche Befruchtungen gegeben haben, werden diese eingefroren und für spätere Versuche aufbewahrt.

 

Im deutschen IVF Register kann man sich ausführlich über Anzahl der Behandlungen und Erfolgsquoten informieren. 2016 wurden  64.831 Behandlungen durchgeführt (IVF und ICSI), die zu 13.239 Geburten führten. Das bedeutet etwa 20% der Behandlungen führen zu einem Kind. Damit ist die Medizin genauso erfolgreich wie die Natur, wo bei gesunden Paaren pro Monat eine Chance auf Schwangerschaft von ebenfalls 20% besteht.

Etwa 3% der deutschen Kinder entstehen inzwischen mit medizinischer Unterstützung, also inzwischen etwa ein Kind pro Schulklasse.

Die öffenliche Debatte

Kinderwunschbehandlung ist wider die Natur

Nun gibt es online eine unüberlesbare Gruppe von Menschen, die in Kinderwunschbehandlungen grundsätzlich etwas ganz furchtbar Schlimmes sehen und in jedem Kinderwunschforum ihre Weisheit zum Besten geben. Man solle doch der Natur nicht ins Handwerk pfuschen. Manchmal müsse man sich eben mit Dingen abfinden.

 

Was das Abfinden und die Natur angeht möchte ich gerne wissen wieviele von denen, die der Meinung sind medizinische Probleme mit Gebärmutter, Eierstöcken, Hormonen oder Hoden sollten bitte unbehandelt bleiben, haben keine Zahnfüllung, tragen keine Brille oder Hörgerät, sind nicht geimpft, nehmen keine Medikamente, würden eine lebensrettende Blut- oder Organspende ablehnen und verzichten im Alter auf künstliche Hüften oder Knie? Sollte sich tatsächlich jemand finden, der das mit der Naturbelassung des eigenen Körpers durchzieht, denke ich über weitere Argumente nach.

Kinderwunschbehandlung ist doch gar nicht nötig

Mein Liebling unter den unqualifizierten Kommentaren: adoptiert  doch lieber, es gibt doch so viele Kinder auf der Erde.

 

Auch hier mal etwas Sachlichkeit: in Deutschland werden pro Jahr nur etwa 8000 Kinder adoptiert, die Hälfte davon von Familienangehörigen. Dem stehen mehrere hunderttausend Paare mit unerfülltem Kinderwunsch gegenüber. Dazu kommen noch homosexuelle Paare, die ebenfalls nicht so ganz einfach Kinder bekommen können. Die Chance auf Erfolg ist hier also sehr gering. Internationale Adoption ist noch schwieriger und vor allem noch teurer.

Kinderwunschbehandlung ist ganz furchtbar für die Betroffenen

Nö, einfach nur Nö!

Ich stelle mal die These auf, dass dies nur für die Paare zutrifft, denen leider kein Erfolg beschieden ist und auf die Betroffenen, die sehr emotional veranlagt sind. Ich vermute, dass diese beiden Gruppen auch jene sind, die häufiger das Bedürfnis haben, sich ihre Gefühle von der Seele zu schreiben. Dadurch könnte diese Perspektive medial präsenter sein, als die derer für die die medizinische Untrstützung ihres Kinderwunsches eine nüchternere Angelegenheit ist. Das heisst keineswegs, dass diese Perspektive repräsentativ ist. Natürlich will ich niemandem seine Gefühle absprechen oder gar verbieten diese zu veröffentlichen, wenn es bei der Verarbeitung hilft! Es könnte nur sein, dass es die allgemeine Wahrnehmung von IVF und ICSI  verzerrt.

 

Jede andere medizinische Behandlung wird vermutlich auch von jedem Patienten anders emotional verarbeitet. Mir fällt nur keine ein, die auch öffentlich derartig emotional diskutiert wird.

Meine persönliche Perspektive

Ich gehöre zu den eher nüchternen Menschen. Manche mögen es nicht glauben aber von dieser Sorte gibt es ebensoviele Frauen wie Männer. Das Geschlechterstereotyp der supersensiblen, permanent hochemotionalen Frau ist meines Ermessens und nach den Menschen aus meinem Umfeld genauso die Ausnahme wie das Stereotyp des stets gefühlskalten, starken Mannes.

 

Nachdem feststand, dass ich ohne ärztliche Hilfe wahrscheinlich nicht schwanger werden kann, ich aber irgendwann einen Kinderwunsch verspürte, fragte ich google nach einem Kinderwunschzentrum und liess mich mit meinem Mann beraten. Es folgten Untersuchungen, die wie normale gynäkologische Untersuchungen ablaufen und schliesslich eine Diagnose und ein Vorschlag zur Behandlung. Nicht anders als mit irgendeiner anderen Beschwerde zum Arzt zu gehen.

 

Die Behandlung selbst war weder schmerzhaft noch schwierig. Ich empfand es eher als nervig, da ich einige Wochen zweimal wöchentlich in der Praxis antreten musste. Dies dient meiner Sicherheit, um rechtzeitig jedwede Nebenwirkungen der Hormone zu erkennen und der stetigen Analyse, ob die Dosierung der verschiedenen Hormone für mich passt. Letzteres scheint fast mehr Kunst als Handwerk zu sein. Genau deswegen hat unser Arzt auch ganz klar gemacht, dass es im Schnitt erst die zweite oder dritte Behandlung ist, die zum Erfolg führt. Die Entnahme der Eizellen erfolgt unter Vollnarkose, geht aber sehr schnell. Nach insgesamt drei Stunden konnte ich in Begleitung meines Mannes die Praxis wieder verlassen. Ein paar Tage später das Einsetzen der befruchteten Eizellen und dann das Warten auf den Schwangerschaftstest.

 

Wir hatten Glück und der erste Versuch klappte. So ungewöhnlich auch nicht, in unserem Umfeld gibt es ein Paar, das sogar unter schwierigerer Diagnose ebenfalls im ersten Anlauf Glück hatte. Für uns eine unerwartete Überraschung, waren wir doch innerlich auf ein oder zwei Jahre bis zur Schwangerschaft eingestellt. Gegenüber meinem Arbeitgeber war mir das durchaus unangenehm aber nun ja eine „natürliche“ Schwangerschaft hat ja auch selten Wunschtiming.

 

Was soll ich sagen, hab ich Herzrasen geh ich zum Internisten, knirschen die Knochen geh ich zum Orthopäden und schmerzt das Gebiss geh ich zum Zahnarzt. Klappts nicht mit der Fortpflanzung ist es der Gynäkologe und der Biologe die ran müssen. Während der Behandlungsphase habe ich mich aufgrund der vielen dramatischen Berichte im Internt immer wieder gefragt was ich eigentlich gerade empfinde. Irgendwie war da zu keinem Zeitpunkt ein Gefühl von Leiden oder gar das Empfinden des Versagens als Frau oder große Angst vor dem Misserfolg. Hauptsächlich empfand ich Vertrauen und Dankbarkeit in die Medizin und Hoffnung auf ein Kind, wie bei jeder Frau die an einer Schwangerschaft „abeitet“. Ziemlich unspektakulär.

 

Ich weiß nicht wieviele Versuche ich durchexerziert hätte oder was ich nach dem vierten oder fünften empfunden hätte. Probleme werden gelöst wenn sie da sind. Bei einem Armbruch denke ich doch auch nicht gleich darüber nach, was ich ohne Arm tun würde. Insofern mein Rat an Paare die nach einem Jahr intensiven übens nicht die ersehnten zwei Streifen auf dem Test sehen: geht zum Arzt. Die Statistik sieht gut aus, dass euch geholfen werden kann.

 

Mein Wunsch an Medien und Politik

Können wir bitte alles was mit Forpflanzung zu tun hat wieder ein bischen entemotionalisieren? Klar ist es ein Thema mit überaus großer Bedeutung für das Leben jedes einzelnen. Dennoch ist es auch ein normaler biologischer Vorgang, der manchmal ein bischen Unterstützung braucht.

Statt über die emotionalen Auswirkungen zu sprechen, sollte lieber der politische Aspekt ins Zentrum der medialen Aufmerksamkeit rücken.

 

Der Staat wünscht sich mehr Kinder? Klasse dann übernehmt die Kosten für Kinderwunschbehandlungen! Wir gehören zur priviligierten Kategorie der heterosexuellen, verheirateten Paare unter 40 Jahre, denen immerhin die Hälfte der Kosten von der Krankenkasse übernommen werden. Zu diesen Kosten zählen aber leider nicht alle Bestandteile der Behandlung und vor allem nicht alle der Medikamente, die den Erfolg maßgeblich beeinflussen. Harter Fakt: uns hat das Kind schon vor seiner Geburt 6.000 € gekostet. Hat nicht jeder. Geschätzte Zahl der Nicht-geborenen Kinder in den letzten 12 Jahren aufgrund dieser Kosten: 90.000.

 

Nochmal in Worten neunzigtausend Kinder die nicht geboren wurden, weil die Eltern die Behandlung nicht bezahlen konnten. Wie ich darauf komme? 2004 wurde die Kostenübernahme der Krankenkaassen erheblich eingeschränkt. Wurden 2002 noch etwa 12.000 Kinder nach Kinderwunschbehandlung geboren, waren es 2006 nur noch 5.500. Also 7.500 Kinder weniger in einem Jahr. 7.500 mal 12 Jahre sind unglaubliche 90.000 nicht-geborene Kinder und da sind noch nicht die dabei, die möglicherweise aufgrund der wachsenden Bekanntheit der Verfahren und der stetig verbesserten Methoden noch hinzugekommen wären.( Quelle )

 

Zweiter Wunsch: Erlaubt die Eizellenspende! Unser Rechtssystem verlangt gleiches gleich zu behandeln. Solange also Spermaspende legal ist, gibt es keinen Grund Eizellenspenden zu verbieten und damit letztlich ohnehin nur zu bewirken, dass Paare ins Nachbarland gehen, um sich behandeln zu lassen. Der fadenscheinige Grund dieses Verbotes ist übrigens das Risiko, dass die Spenderin trägt. Komisch trotz eines noch weit höheren Risikos bei einer Nierenspende, ist dies in Deutschland wiederum erlaubt.

 

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