Echte Elternzeit
Kein Kitaplatz – Ich hab die Kitakrise

Kein Kitaplatz – Ich hab die Kitakrise

Kitaplatz gesucht

Man sieht es ja inzwischen als normal an, dass man, kaum ist der dritte Monat der Schwangerschaft abgeschlossen, bei den Kitas auf der Matte steht und in Begeisterungsstürme über die wirklich unfassbar grandiosen, einzigartigen, noch nie dagewesenen, wundervoll kindgerechten Kitakonzepte ausbricht. Das Abklappern aller auch nur irgendwie erreichbaren Kitas wird zu einem Schaulaufen wie bei GNTM – freiwillige Selbsterniedrigung, betteln um in die nächste Runde zu kommen und beschämtes Entschuldigen für die falschen Maße, also ein Geburtsdatum außerhalb des Monats August. Aber die wahre Hölle dieser Rennerei offenbart sich ja erst in der Elternzeit in vollem Ausmaß. Für Eltern sieht der Ablauf der Jagd nach einem Kitaplatz derzeit so aus:

1. Noch in der Schwangerschaft muss und möchte ich mit meinem Arbeitgeber eine Elternzeit abstimmen. Ich sage also ganz naiv, dass ich ein Jahr Elternzeit nehme, dann das Kind in die Kita geht und ich zurück kehre

2. Elterngeld wird für ein Jahr gezahlt, das Mutterschutzgeld zählt als solches mit, das heisst die meisten Eltern müssen und wollen ein Jahr nach Geburt des Kindes wieder arbeiten und benötigen einen Kitaplatz. Um in Punkt 1 tatsächlich dem Arbeitgeber gegenüber eine verbindliche Aussage treffen zu können, benötigen sie die Zusage zu diesem Kitaplatz also schon vor der Geburt – bekommen sie aber nicht weil…

3. Den Kitagutschein, der Basis für einen Kitavertrag ist, bekommen sie frühestens neun Monate vor Kitaanspruch. Kitaanspruch hat man mit vollendetem ersten Lebensjahr also drei Monate nach Geburt und mindestens fünf Monate nachdem frau in den Mutterschutz geht und sich mit einem Plan zur Rückmeldung vom Chef verabschieden sollte (so die Regelung bei uns, jedes Bundesland kann das anders handhaben).

4. Kitaplatz bekommt man nur zu August für dann mindestens einjährige Kinder (Krippen die früher aufnehmen sind seltener als Goldstaub in der Wüste).Ganz klar können Kinder nur im August in die Kitas aufgenommen werden, denn nur dann wechseln die großen Kinder in die Schule und machen Platz für die Kleinen. Da die Kitas nur für anwesende Kinder Geld vom Amt erhalten, um zum Beispiel ihr Personal zu bezahlen, sind sie gezwungen die Plätze sofort zu besetzen. Wenn man also ein Dezemberkind hat, muss man entweder die Geburtsurkunde fälschen, acht Monate länger in Elternzeit gehen als es Elterngeld gibt oder das Glück haben, dass ein Kind im Dezember aus der Kita genommen wird, der Platz frei wird und man selbst diesen erhält (an dieser Stelle bitte lautes Lachen vorstellen). Selbst wenn dieses Wunder passiert, erfährt man das erst im November, also einen Monat bevor man wie in Punkt 1 geplant wiederum Büro erscheint.

 

Elternfeindliche Bürokratie riskiert Arbeitsplätze

Als Projektmanager würde ich jetzt von unmöglich zu lösenden Abhängigkeiten sprechen und das Projekt ablehnen! Aber ich bin ja derzeit kein Manager, ich bin Mutter und Angestellte und im Gegensatz zur Politik, die das alles verzapft hat, kann ich mich nicht mit Palaver rausreden, sondern brauche echte Lösungen. Eine qualitative Betreuungslösung für mein Kind und für den Erhalt meines Arbeitsplatzes. Dabei hilft es mir wenig allein bei sechs der besuchten Kitas gehört zu haben: „Bleiben sie doch bis August weiter in Elternzeit, sind doch nur acht Monate länger und es ist sooo schön diese unwiederbringliche Zeit….“ oder dass mir das Jugendamt jetzt auf Nachfrage, wie das mit der Zuweisung von Kitas durch sie funktioniert (das Jugendamt ist theoretisch dafür verantwortlich meinen Rechtsanspruch zu realisieren) , antwortete: „Wir haben da eine Warteliste, da stehen einige Kinder bereits seit einem Jahr drauf“.
Um es mal konkret zu machen, ich habe meinem Chef vor acht Monaten gesagt, dass ich im Januar 2019 wieder kommen werde. Das war gelogen, mea culpa, denn ich werde frühestens im Herbst wissen ob und wann ich wiederkommen kann und momentan sieht es eher nach September 2019 aus. Wenn ich Glück habe, denn abgesehen vom unfassbar unpraktikablem Vergabesystem gibt es schlicht zuwenige Plätze. Auch hier könnte ich viel zu schreiben, fasse mich aber kurz mit multiplen Versagen von Politik und Verwaltung.
 
Mag ja sein, dass das Recht rein theoretisch auf meiner Seite ist und ich nach der Elternzeit mein Job auf mich wartet. Aber was bedeutet es denn praktisch für Arbeitgeber wenn Mütter oder seltener auch Väter nicht nur die abgestimmte Elternzeit, sondern noch über einen weteren nicht planbaren Zeitraum der Arbeit fern bleiben? Auch aus meiner Perspektive einer Arbeitnehmerin kann ich gut verstehen, wenn das bei Arbeitgebern dazu führt Eltern zu diskriminieren um das eigene Risiko gering zu halten.

Vorschlag zur Vergabepraxis von Kitaplätzen

Liebe Politik und Verwaltung,
gerne mach ich hiermit mal einen konstruktiven Vorschlag: ordnet alle Kitas jeweils einem Einzugsgebiet zu, die es für Grundschulen bereits gibt. Man muss das Rad ja nicht neu erfinden, für Grundschulen klappt es doch ganz gut. Wenn ein Kind geboren wird, fragt die Eltern wann sie einen Kitaplatz benötigen und schickt dann einfach einen freundlichen Bescheid in welche Kita ihres Einzugsgebietes es dann gehen wird. Wenn ihr es schafft jedem zwei Wochen altem Säugling unaufgefordert eine Steuernummer zu geben, sollte auch hier ein proaktives Vorgehen drin sein.
Spart den Eltern den Stress der Kitabettelei, der Ungewissheit und der Rennerei.
Spart den Kitas die Wartelisten auf denen überall alle Eltern stehen, die umständliche Finanzierung  über Kitagutscheine und den Stress immer im August/ September eine ganze Gruppe Knirpse gleichzeitig eingewöhnen zu müssen, anstatt das Procedere über das Jahr verteilen zu können. Sichert statt dessen die ganzjährige Finanzierung abhängig von den insgesamt vorrätigen Plätzen.
Spart dem Jugendamt die verzweifelten Eltern, die die Flure verstopfen und den Mitarbeitern Zeit kosten, in denen sie an Lösungen zur Kapazitätssteigerung arbeiten könnten.
Ich für meinen Teil muss jetzt verdauen, dass mein heutiger Anruf in der drölfzigsten Kita, nachdem ich mein Anliegen nannte, für herzhaftes Gelächter sorgte. Seit neun Monaten (!!!) suche ich nun erfolglos nach einem Kitaplatz, meine Frustrationstoleranz ist einfach erschöpft. Damit wird meine Horrorvision realer, an all den schönen Stränden nicht zu surfen, sondern telefonisch weiter mit Kitas und Tagesmüttern zu verhandeln und ich beantrage im Geiste Urlaub von der Elternzeit.
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