Echte Elternzeit
#no2euro Ich kaufe Anleitungen zu fairen Preisen

#no2euro Ich kaufe Anleitungen zu fairen Preisen

#no2eur – Nein zu Dumpingpreisen

Es ist mal wieder soweit. Makerist hat eine seiner total seltenen, überhaupt nicht vorhersehbaren 2 Euro – Rabattaktionen. Und alle Hobbyschneider*innen jubeln.

Alle? Nein, nicht alle!

Ein kleines gallisches Dorf feiert nicht mit. Feiert nicht die Verramschung harter Arbeit, feiert nicht die Geiz-ist-geil Mentalität und feiert nicht die Tatsache, dass mal wieder ein  Unternehmen einen großen Teil der Gewinne für die Arbeit anderer einfährt.

 

Ich schrieb einmal darüber, dass ich unter anderem selber nähe weil ich die miserablen bis sklavenartigen Arbeitsbedingungen in der asiatischen Textilindustrie nicht unterstützen kann. Siehe hier. Nicht anderes tue ich aber wenn ich Schnittmuster und Anleitungen zum Spottpreis kaufe. Wohl wissend, dass dem Designer nur wenig davon als Gewinn verbleibt. Design und Schnittmusterentwicklung ist eine anspruchsvolle Arbeit und wichtiger Teil des gesamten Handwerks der Schneiderei. Über die Wertschätzung des Handwerks habe ich hier schon geschrieben. Es ist mir nach wie vor ein Anliegen diese Wertschätzung ins Bewusstsein zu bringen. Mit diesem Wissen kann ich nicht guten Gewissens Leistungen zum Dumpingpreis kaufen und nur schwer ertragen, wie leichtfertig dies andere Hobbyschneider*innen tun!

 

Vorweg noch ganz deutlich,  grundsätzlich finde ich Makerist als Plattform super. Für alle Beteiligten bietet sie große Vorteile und mit diesem Angebot Geld verdienen zu wollen ist auch nicht verwerflich. Mir geht es um die unseligen 2Euro Rabattaktionen, die mittlerweile zu langen Wunschlisten führen, die pünktlich zur Quartalsaktion umgesetzt werden. Kunden haben sich inzwischen daran gewöhnt Anleitungen für 2Euro zu erhalten. Viele glauben es sei in Ordnung so.

 

Ich habe in den Kommentarspalten sozialer Medien bereits versucht das Thema zu diskutieren. Die Gegenargumente waren immer die gleichen:

  • Die Designer*innen werden schon trotzdem noch gut daran verdienen
  • Aber viele Designer machen weiter mit bei den 2 Euro Aktionen!
  • Schnittmuster sind doch aber sonst so teuer!
  • Was geht mich das an?

Auf diese Argumente möchte ich gerne eingehen.

Was bleibt den Designer*innen?

Gerne hätte ich nun selber geprüft wie die Konditionen für Anbieter bei Makerist sind. Allerdings ist das Unternehmen hier nicht transparent. Nur auf Anfrage und unter Einreichung eines eigenen E-Books erhält man Auskunft.

 

Wenn ich aber auf Instagram und in einigen Blogs zu lesen bekomme, dass sich allein die Provision zum 1.11. massiv von 20% auf 35% erhöht und somit dem Designer abzüglich weiterer Gebühren und Steuern nur ein geringer Teil des Umsatzes bleibt, finde ich es skandalös dann noch 2€ Rabattaktionen durchzuführen, die den Gewinn der Designer weiter drücken.

 

Bei Schwalbenliebe  wurde ich noch nur indirekt auf das Problem aufmerksam gemacht. Nichtsdestotrotz mit vielen wichtigen Denkanstössen dazu. Ihr lag das Thema so am Herzen, das sie das von mir und den teilnehmenden Designern verwendete Logo der Aktion entwarf.

 

Hier könnt ihr schon konkreter die Erläuterung von Joudii näht lesen, der nach Abzug aller Kosten nur 50% des Umsatzes bleiben. Also 50% von 2 Euro.

Erbsenprinzessin rechnet hier vor, dass ihr nur 74Cent pro E-Book bleiben, wenn die 2Euro Aktion läuft.

KreativlaborBerlin zeigt hier auf, dass sogar nur 40Cent pro E-Book bleiben, da hier eine professionelle Schnittdirectrice eingesetzt wird, die auch nicht für umsonst arbeitet.

 

Gebt selbst mal #no2eur in die Suchmaschine ein und findet etwa 100 Designer die nicht mehr bei der 2Euro Rabattaktion mitmachen können oder wollen.

 

Aber viele Designer machen weiter mit bei den 2Euro Aktionen!

…also kann das doch gar nicht so schlimm sein. Oder!?

Naja viele Friseure arbeiten für 10€ pro Haarschnitt. Viele junge Leute arbeiten in unbezahlten Praktika. Viele andere Leute arbeiten zum Mindestlohn.

Ich weiß nicht was Menschen jeweils bewegt das zu tun. Ich kann mir aber nur wenige Umstände vorstellen unter denen das nichts mit Druck oder Sorge zu tun hat und einer vagen Hoffnung auf Besserung.

Ja, vielleicht machen manche in der Rabattaktion so unfassbar viel Umsatz, dass der magere Gewinnanteil sie bis zur nächsten Aktion über die Runden bringt. Zur Not ist es besser wenig zu verdienen als gar nichts. So sehen es sicher auch Mindestlohnarbeiter. Wahrscheinlich erscheint mir eine gewisse Angst, dass wir Kunden einfach nicht bereit sind jemals wieder mehr zu zahlen. Vielleicht auch die Hoffnung, dass Kunden durch die Aktion auf das eigene Design aufmerksam werden und das nächste Mal für das nächste E-Book den vollen Preis zahlen. So wie die Generation Praktikum immer darauf hofft, irgendwann fest übernommen zu werden. Letztlich spielt auch der Konkurrenzdruck eine Rolle. Wenn doch vermeintlich alle anderen Designer*innen ihren Preis drücken lassen, zieht man vielleicht zähneknirschend mit.

 

Es mag noch diverse andere Gründe geben, aber die Wahrscheinlich, dass Druck, Sorge oder vage Hoffnung Menschen dazu bringen sich unter Wert zu verkaufen, ist hoch. Ich will davon nicht profitieren.

Schnittmuster sind doch aber sonst so teuer?

„Heutzutage kennt man von allem den Preis aber von nichts den Wert“ Oscar Wilde

 

Was ist ein Schnitt wert?

Gehen wir doch einfach mal davon aus, dass Designer*innen ihre Originalpreise so gestalten, dass

  • die Entstehungskosten und Arbeitszeit für die jeweilige Anleitung
  • die Gebühren, Provisionen und Steuern, die für den Verkauf fällig werden
  • und ein bißchen Gewinn, der dem Nettolohn entspricht, wovon deren Familien leben können

abgedeckt sind.

 

Ist es mir ein Schnittmuster wert all das zu bezahlen oder ist das zu teuer?

 

Teuer ist ja relativ. Ich mag preiswerte Dinge. Also Dinge die ihren Preis wert sind.  Ich mag Qualität. Qualität wert zu schätzen bedeutet sie zu bezahlen. Teuer ist etwas nur dann wenn der Preis höher ist als sein Wert. Also ist stets die Frage was ein Schnitt und letztlich was der Designer bzw. was die Arbeit des Designers wert ist.

 

Manche argumentieren, dass ja heute leider viele Menschen zuwenig verdienen und sich eben die Originalpreise nicht leisten können. In ihrer Wahrnehmung ist „zu teuer“ alles was ausserhalb ihre Budgets liegt.

 

Was ist die faire Perspektive auf den Preis? Der Preis der die zugrundeliegende Arbeit angemessen entlohnt oder der Preis der dem Konsumenten gefällt?

Was geht mich das an?

Am Ende hängt alles mit allem zusammen. Wer selber Löhne drückt, dessen Lohn wird irgendwann gedrückt werden.

 

Natürlich kann ich nicht leugnen, dass es ganz aktuell zuviele Menschen gibt, die unangemessen wenig verdienen und sich daher tatsächlich normale Schnittmuster oder andere Dinge nicht leisten können. Aber ist das eine gute Geisteshaltung andere Menschen auszubeuten, weil man selber in prekären Arbeitsverhältnissen feststeckt und doch eigentlich ganz genau weiß wie mies sich das anfühlt? Wie es sich anfühlt für seine Arbeit und die dafür nötige Ausbildung einfach nicht fair bezahlt zu werden? Möglicherweise trotz langer Arbeitstage seine Familie nur so irgendwie durchzubringen? Es gibt derzeit unzählige Berufsgruppen, die unter mieser Bezahlung leiden. Medial momentan besonders präsent Kranken- und Altenpfleger*innen. Hier scheint mehr Solidarisierung statt zu finden. Vielleicht weil jeder weiß früher oder später in den Händen dieser Menschen zu landen.

 

Als Hobbyschneider*innen sind wir doch aber letztlich genauso auf die Arbeit von Designern angewiesen. Vielleicht nicht so existenziell aber stellt euch eurer Hobby ohne sie vor! Stellt euch vor es gibt sie nicht mehr, die Vielfalt der Designer wie wir sie heute kennen. Stellt euch vor nur noch Menschen die anderweitig finanziell abgesichert sind, können es sich leisten Schnittmuster zu erstellen und anzubieten. Unabhängig davon, ob mit dieser finanziellen Freiheit auch Stilempfinden und Konstruktionskenntnisse verbunden sind.

 

Klar ihr könnt ja immer noch selber entwerfen und konstruieren. Ich hab mich mal daran versucht, mit Hilfe von geeigeneter Literatur durchaus machbar. Allerdings kostet so ein Buch auch geschmeidige 50€. Dieses hier zum Beispiel, was ich sehr schätze, um Schnitte auf mich anzupassen und was mich gelehrt hat, dass ich (pardon) ums Verrecken nicht die Geduld und Nerven habe komplett selbst zu konstruieren.

Der Konsument bestimmt!

Bei manchen Fragen ist es mir zu leicht dem Konsumenten die Verantwortung zu geben. Hier jedoch liegt sie wirklich bei uns! Schnittmuster und Anleitungen sind nichts existenziell notwendiges. Niemand ist darauf angewiesen sich in jedem Quartal diverse neue Schnitte zuzulegen, um sein Überleben zu sichern.  Anders als bei Mieten oder Fortbewegung oder bestimmten Lebensmitteln können wir hier jedes einzelne Mal entscheiden ob und zu welchem Preis wir kaufen.

 

Dabei entscheiden wir jedes einzelne Mal,  ob wir einem Designer unsere Wertschätzung entgegenbringen oder sie ihm verweigern.

 

#no2eur

 

P.s. Wer hier weitere Statements zum Thema verlinken möchte, ist ausdrücklich gebeten das in den Kommentaren zu tun!

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4 thoughts on “#no2euro Ich kaufe Anleitungen zu fairen Preisen”

  1. <3 Gut beleuchtet & sehr toll auf viele Facetten eingegangen.
    Stimmt leider alles & vielleicht sind die Denkanstösse von dir bei einigen Ladys angekommen. Danke für deinen wundervollen Beitrag.

    <3

  2. Ich freue mich riesig, hier auch mal eine Kundenmeinung zu diesem komplexen Thema zu lesen! Das lässt mich als Designerin hoffen, dass nicht alle dieser Geiz ist Geil Mentalität verfallen sind. 😉 Ich hoffe, dass dein Text nicht nur wir Designer lesen, sondern auch ganz viele Makerist-Kunden damit sie auf die Problematik aufmerksam gemacht werden und vielleicht zwei mal überlegen bevor sie den nächsten 2 € Schnitt kaufen wollen.

    Liebste Grüße
    Claudia alias Frau Fadenschein

  3. Vielen Dank für diesen Blogpost. Du sprichst mir aus der Seele und triffst den Nagel auf den Kopf.
    Wir Designer können nur hoffen, dass durch die #no2eur Aktion u.ä. viele Kundinnen auf unser Problem aufmerksam werden und uns unterstützen.
    Liebste Grüße Katrin von Freuleins

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