Echte Elternzeit
Probenähen on Tour

Probenähen on Tour

Dieser Beitrag enthält ein kleines bischen Werbung aber unbezahlt und aufrichtig

Herausforderung Probenähen im Wohnmobil

Ich hatte mich schon einige Male auf Probenähen beworben, stets erfolglos. Ausgewählt wurde ich ausgerechnet dann als ich mich eher so automatisch und ohne nachzudenken, ob ich denn alles an Zubehör an Bord habe, ganz unbedacht bewarb.

Lotte und Ludwig hat die Kindershort „Milchmädchen“ erwachsen werden lassen und plötzlich stand ich vor der Herausforderung eine Short Probenähen zu dürfen aus Stoff, den ich in der empfohlenen Qualität nicht dabei hatte und vor allem mit Einfassungen aus Schrägband, was ich ebenfalls weder dabei hatte, noch mangels Bügeleisen selber herstellen konnte. Aber wer im Wohnmobil nähen will, muss flexibel sein und aus der Not eine Tugend machen.

Grundsätzlich glaube ich kann man jeden Schnitt aus jedem Material umsetzen. Es erfordert nur manchmal ein paar Anpassungen und kann im Ergebnis eine völlig andere Wirkung erzielen als vom Designer gedacht.

Wenn ich ein Jerseykleid aus unelastischer Webware nähen will, werde ich wohl mindestens einen Reißverschluss einbauen müssen und für die Passform vielleicht einige Abnäher setzen müssen. Durchaus machbar aber bleibt schon die Frage ob ein passender Schnitt nicht einfacher wäre. Eine Shorts die ohne Verschluss daher kommt und dabei dennoch für unelastische Stoffe gedacht ist, ist da einfacher. Zumindest über nötige Verschlüsse braucht man sich hier in keinem Fall Gedanken machen.

Ich durchforste also meine kleine Stoffkiste und schaue mal nur danach was mir rein optisch als Hose gefallen würde. Die  erste Wahl fällt auf eine leichte Viskosewebware, die ich eigentlich für ein Maxikleid vorgesehen habe. Dunkelblauer Grund und japanisch anmutende Blumen. Sieht eigentlich perfekt nach Boardshort aus, von denen mein ganzes Sortiment den Schwangerschaftspfunden zum Opfer fiel. Die Gelegenheit mich nicht länger über zu kleine Hosen ärgern zu müssen.

Exkurs: Schnittmuster drucken als Abenteuer

Nächste Herausforderung: wo bekomme ich eigentlich den Schnitt her? Google schickt mich auf Anfrage nach einem Copyshop nach Athen, 260 km sind keine echte Option. Also aufs Rad geschwungen und nach Gythio gefahren (da waren wir zu dem Zeitpunkt noch) und mit Händen und Füssen durchgefragt. Tatsächlich wurde ich von einem netten Kellner zu einem Internetcafé geschickt, in welchem man auch drucken können soll. Zuerst bin ich dreimal dran vorbei gefahren, so unscheinbar war es von aussen und nur als Cafébar betitelt. Irgendwann dann doch die Tür als mein Ziel identifiziert und hineingegangen. Hinter dem schmalen Eingang eröffnete sich mir eine ansehliche Männerhöhle. An allen Wänden hochgetunte Rechner mit dicken schwarzen Ledersesseln davor und einer Reihe Kerle jeden Alters mit Headsets auf dem Kopf und rasend schnell zuckenden Händen an Tastaturen und sonstigen Steuermöglichkeiten.  Dazu noch ein Kickertisch und Tische aus Europaletten mit Kaffee, Cola und RedBull drauf.

Für mich war der Anblick ein spontaner Flashback in die Vergangenheit. Vor 20 Jahren habe ich mal eine Ausbildung als Informatikerin gemacht und LAN-Partys waren äusserst beliebt unter dem sich daraus ergebenden etwas speziellem Freundeskreis. Das Internet reichte noch nicht für gemeinsames Zocken bei räumlicher Trennung und so sah es am Wochenende in diversen Kellern oder Jugendclubs ziemlich genauso aus wie jetzt in diesem Gamercafé.

Weibliche Wesen sind in dieser Welt aber augenscheinlich heute genauso selten wie damals. („Damals“ klingt als erzählt die alte Frau vom Krieg.) Immernoch wird man etwas erstaunt angeschaut aber bekommt sehr zuvorkommend Hilfe, wenn man ein ganz klein wenig weiblichen Charme versprüht. Die wirren Linien die ich da druckte wurden fragend beäugt. Ich erklärte es handele sich um Konstruktionspläne, irgendwie widerstrebte es mir hier so eine klischeehafte Trennung von männlichen Tecnerds und weiblichen Handarbeitsfreaks aufkommen zu lassen. Die Erklärung wurde geschluckt und Tags darauf wurde ich sogar freudig begrüßt, als ich mir dachte die Gelegentheit zu nutzen und noch ein paar andere Schnitte zu drucken.

Mein Urteil zum Schnitt – Milchmädchen für Damen

Zuallererst: den Schnitt zur Milchmädchenshort findet ihr  bei Makerist und DaWanda.

Der Schnitt besteht aus erfreulich wenigen Seiten. Zusammenkleben und auschneiden wie üblich bei E-Books. Geht gut.

Der Schnitt selbst ist für Fortgeschrittene selbsterklärend, für Anfänger gut zu bewältigen. Hier kann sich jeder rantrauen. Dadurch dass der innere Taschenbeutel einfach genauso groß wie der Aussenstoff geschnitten wird, wurde das Schnittteil für den äusseren Taschenbeutel gespart und das vernähen ist um einen Fummelschritt einfacher als üblich. Auch nochmal sehr Anfängerfreundlich.

In Weite und Länge recht großzügig, wer es körpernah mag kann hier gut eine Nummer kleiner nähen als die Maßtabelle empfiehlt. Insbesondere kleine Frauen dürften ruhig ein wenig unten kürzen. Dafür können Frauen über 1,75m überlegen oben ein wenig zu verlängern, sonst sitzt sie bei Gardemaßdamen sehr hüftig. Alles Geschmackssache aber bei diesem Schnitt problemlos anpassbar.

Reine Nähzeit 2 bis 3 Stunden und somit qualifiziert für spontane Ich-will-morgen-an-den-Strand-und-hab-nix-anzuziehen-Nähsessions.

Einfassen ohne Schrägband

Im Vergleich zu Baumwolle fällt Viskose wesentlich fliessender und ist flatterhafter. Damit ist es für eher luftige Schnitte geeignet. Nachdem ich das Schnittmuster vor mir liegen hatte und im Vergleich zu einer fertigen Hose erkennen konnte, dass der Schnitt eher locker gedacht ist, fand ich die Viskose umso passender.

Nun kam mir die Frage nach der Einfassung. Diese ist elementares Bestandteil des Designs und ich wollte es keinesfalls weglassen. Eine Einfassung sollte  am besten immer aus ähnlichem Material bestehen wie der Hauptstoff oder aus leichterem. Andernfalls könnte die Einfassung zu einer Versteifung führen und später unschön abstehen. Ich fand in meiner Kiste eine weitere Viskosewebware in weiß mit dezentem Aquarellblumen. Passt von Qualiät und Farbe, bei nur einer Kiste mit Material fast mehr als ich erhoffen kann.

Nun bleibt die Frage wie ich Schrägband herstelle ohne Bügeleisen?

Gar nicht!

Trick17 wird angewand, viel einfacher als Schrägband, selbe Optik von ausssen und ebensogute Methode zur Versäuberung

  1. Gerade Streifen schneiden, besonders einfach mit Schneidmatte, Patchworklineal und Rollschneider (egal wie wenig Platz, darauf würde ich nie verzichten)
  2. die Streifen rechts auf links annähen
  3. Die Streifen um die Nahtzugabe herumfalten, nach innenschlagen und dort feststecken
  4. die Nadelposition weit möglichst nach links, damit der Nähfuss und der Transporter den Stoff rechts noch gut fassen können und trotzdem eine knapkantige Naht entsteht, und festnähen

Einfassung nähen ohne Schrägband

Beim Schrägband gelingt es mir nie es oben und unten gleichmäßig zu fassen, irgendwo ist es immer neben der Naht, vor allem in den Kurven. Es gibt einen Spezialnähfuss, damit soll es gut klappen aber den habe ich leider (noch) nicht. Ich finde aber so hat man ein wunderbares Ergebnis ohne große Fummelei und geht mit allen Stoffen, auch denen die trotz bügeln keine scharfen Kanten behalten.

Modell 1 – die Flatterhafte

Tadaaa da ist sie nun meine erste Milchmädchenshorts. Ich finde absolut öffentlichkeitstauglich und sehr beachbabemäßig. Tatsächlich wirkt sie völlig anders als auf den ersten Beispielen der Designerin zu sehen, der Retroeffekt geht in der fliessenden Viskose etwas unter. Aber um mal frei einen beliebten Fernsehsender zu zitieren: „Anders ist besser“!

Selbstgenähte Short

Selbstgenähte Short

Selbstgenähte Short

Modell 2 – Die Sportliche

Jersey geht ja immer, insbesondere wenn man auf Campingplätzen lebt. Also muss ganz klar auch eine Variante aus diesem Mombodfreundlichen Gewebe her. Da Jersey elastisch ist, habe ich hier einfach mal eine Nummer kleiner genäht und das funktioniert super.

Jerseyshort selbstgenäht

Jerseyshort selbstgenäht

Jerseyshorts selbstgenäht

In der ersten Version des Schnittes war am Hintern noch eine Falte vorgsehen, genau wie beim Minimodell. Viele Probenäherinnen fanden das nicht so ganz geeignet für die erwachsene Variante, deswegen ist im Schnitt jetzt auch ein Abnäher enthalten. Bei mir war der noch nicht drin also habe ich ihn mir selbst gebastelt. Auch kein Hexenwerk. Hier muss man nur wissen, dass ein Abnäher mindestens 3- bis 4-mal so lang wie breit sein sollte und immer schön sachte als Kurve dem Stoffrand nähern, sonst gibts nach aussen spitze Tüten oder Beulen. Ich habe eine recht schmale Taille und dafür umso auspgrägtere Hüften und Hintern. Um diese große Differenz auszugleichen, brauche ich hier recht tiefe Abnäher. 4 cm sind allerdings das Maximum, sonst würde der Abnäher zu lang werden.

Abnäher formen

Modell 3 – Die Robuste

Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen oder das richtige Material vor lauter Stoffen nicht. Dieser Feincord, der genauso ist wie das Material für das Milchmädchen sein sollte, lag die ganze Zeit in meiner Kiste. Allerdings dachte ich ich hätte nur 30cm für eine Zwergenhose gekauft und vergaß meine großzügige Reserveplanung. Passend dazu ein Ankerjersey, den mir meine Cousine zu Ostern geschenkt hat. Das schreit jetzt nach Partnerlook!

Sohnemann bekommt ein kleines Milchmädchen – nein er bekommt einen Milchjungen! (Feminismus ist für alle da, wie mich meine Freundin kürzlich voll zu Recht erinnerte.) 🙂

Für ihn noch mit Jerseybündchen statt Gummi und ein ärmelloser Body dazu (Schnabelinas Regenbogenbody, inzwischen ein Klassiker) Dafür bekomme ich noch eine extra Tasche auf den Hintern, damit dieser in der einfarbigen Variante nicht zu monolitisch wirkt. Eindeutig Sandkastenready!

Mutter Sohn Partnerlook

Mutter Sohn selbstgenäht

Selbstgenähte Hosen

 

0 Gefällt mir

3 thoughts on “Probenähen on Tour”

  1. Ein wundervoller Ankerbody ist das geworden!! ⚓️
    Die Hose werde ich wohl auch mal nachnähen 😊
    Liebe Grüße aus good old germany

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.