Echte Elternzeit
Scheiß auf „Von der Nadel gehüpft“ !

Scheiß auf „Von der Nadel gehüpft“ !

Die letzten Tage haben wir uns ein wenig der Trägheit hingegeben und ich habe mehr konsumiert als produziert. Also mehr gelesen als geschrieben und mehr in Nähforen und Schnittmusterdatenbanken gestöbert als zu nähen. Eines fiel mir -mal wieder- auf: die unerträgliche Bescheidenheit von Frauen.

Frauen seid stolz auf eure Leistung

In Onlinegruppen oder Foren zum Thema Nähen, ist es seit einger Zeit Mode neu genähte Stücke mit „Das ist mir gerade von der Nadel gehüpft“ vorzustellen. Diese scheinbar so harmlose Redewendung dreht mir den Magen um, ist sie doch exemplarisch für die zwanghafte Bescheidenheit vieler Frauen. Mädchen bekommen noch immer zu hören „Eigenlob stinkt“ während Jungen „stolz auf ihre Leistung“ sein sollen. Dies wandelt sich zwar gerade langsam aber die Auswirkungen dieser Erziehung zeigt sich im Großen bei studierten Frauen, die unter ihrem Potenzial als Assistentinnen arbeiten und im Kleinen eben bei Kleidungsstücken die „von der Nadel gehüpft“ sind. Im Beruf motiviere ich Kolleginnen ihr Potenzial auszuschöpfen. Jetzt habe ich Zeit zu nähen und das Bedürfnis Frauen in diesem Bereich genauso zu mehr Stolz auf ihre Leistung zu ermutigen.

Was genau stört mich an „Von der Nadel gehüpft“ ?

Es ist eine passive Formulierung, die impliziert ein Objekt habe etwas von allein getan, ohne die Aktivität eines Subjektes. Das Kleidungsstück ist also von allein oder von Zauberhand geführt durch die Nähmaschine gewandert, ohne jegliches Zutun der Schneiderin. Damit wird sowohl der schöpferische Akt, als auch das theoretische Verständnis und das handwerkliche Geschick, welches für die Erstellung eines Kleidungsstückes nötig ist, komplett negiert. Als wäre Nähen nur ein zutiefst anspruchsloses Tun, das jeder ohne jegliche Mühe ausüben könnte und dennoch zu respektablen Ergebnissen gelangt.

Mehr Respekt vor Handwerk

Die andere Seite der Medaille:

Heute glauben viele Menschen sie könnten einfach mal eben tun was sie bei anderen gesehen haben und zum gleichen Erfolg gelangen, wie andere nach jahrelanger Ausbildung, Studium oder Training. Im Bereich Kochen gibt es gleich mehrere Fernsehsendungen, die seit vielen Jahren gescheiterte Gastronomen besuchen und sich mühen deren Lokale in die Gewinnzone zu bringen. Häufigstes Problem: vermeintliche Gastronomen ohne jegliche Ausbildung als Koch. Klar kochen kann ja jeder, sogar die eigene Mutter (sic!).

 

In der Fotografie will kaum noch jemand echte Fotografen bezahlen, weil es ja immer einen Freund oder Onkel gibt der sich kürzlich eine tolle Kamera gekauft hat. Den Unterschied zwischen Schnappschüssen und Fotografien erkennen manche vielleicht nie, andere nach der Hochzeit wenn sie merken tausende Euro für die Feier ausgegeben zu haben, nun aber keine Bilder die die Besonderheit des Tages eingefangen haben. (Übrigens meine Hochzeit wurde vom Profi abgelichtet und sehr sehr gerne weise ich an dieser Stelle nochmal darauf hin, dass das Hintergrundbild dieser Seite bei unseren Trash-the-dress-shooting von Gerald von glamoureffekt.de gemacht wurde.)

 

Nichtzuletzt findet man bei etsy und Co reihenweise Shops von ungewöhnlich selbstbewussten Müttern, die in der Elternzeit eine Babypumphose genäht haben und nun glauben, sie seien damit so unfassbar einzigartig, dass sie sich damit selbstständig machen sollten. Man muss noch nichtmal Schnittdirectrice sein (ja, Schnittmusterkonstruktion ist so komplex, dass es ein eigener Beruf ist) um zu erkennen, dass die wenigsten von denen wissen was sie da tun.

 

Allen diesen Tätigeiten ist gemein, dass sie wenn sie sehr gut ausgeführt werden, leicht erscheinen, es aber eben nicht sind wenn die Ergebnisse sehr gut sein sollen. Je mehr eine Tätigkeit als simple Nebenbeibeschäftigung abgewertet wird, umso geringer wird sie eben auch vom Rest der Menschheit geschätzt.

Jedes genähte Stück verdient Achtung

Liebe Hobbyschneiderinnen, ihr übt ein anspruchsvolles Hobby aus. Eine Tätigkeit die andere als Beruf ausüben und dafür viele Jahre an ihren Fertigkeiten arbeiten. Es erfordert Kreativität, geometrisches Verständnis zur Schnitterstellung, Gefühl für Materialien und den menschlichen Körper in all seiner Vielfalt,  sowie beachtliches handwerkliches Geschick. Indem ihr so tut, als wäre es etwas kinderleichtes, stellt ihr euch selbst unter den Scheffel und vermittelt Menschen die es nie selbst versucht haben, den Eindruck es sei völlig in Ordnung 2€ für ein T Shirt zu bezahlen.

Natürlich ist es relativ einfach ein T-Shirt oder eine Babypumphose zu nähen. Für die meisten Hobbynäherinnen ist dies aber entweder der Einstieg in schwierigere Projekte oder aber das Ende dieses Hobbies weil alles weitere eben zu schwierig ist. Je nach Begabung und Möglichkeit Zeit zu investieren. In beiden Fällen sollte man aber erkannt haben, dass Kleidung eben nicht von der Nadel hüpft.

Ganz egal also ob euch gerade das erste T-Shirt gelungen ist oder ihr einen Blazer genäht habt oder gar das erste eigene Schnittmuster konstruiert habt, es ist eine Leistung auf die ihr stolz sein könnt und sollt. Formuliert das auch. Erteilt eurer Leistung und damit indirekt auch der Leistung von BerufsschneiderInnen den Respekt den sie verdient.

 

Steh ich mit dieser Ansicht allein oder wie seht ihr das???

 

0 Gefällt mir

1 thought on “Scheiß auf „Von der Nadel gehüpft“ !”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.