Echte Elternzeit
Was fehlt!?

Was fehlt!?

Was fehlt uns wirklich unterwegs?

Bei 35 Grad Aussentemperatur nehme ich ein mindestens 40 Grad heißes Schaumbad.

 

Wir sind gerade bei Freunden, die in der Toskana ein Ferienhaus gemietet haben. Heute sind alle ausgeflügelt und ich konnte ungestört, ausgiebig und genussvoll ein Bad nehmen. Nicht das bei 35Grad heisse Schaumbäder normalerweise mein größtes Hobby wären aber nach drei Monaten ohne Badewanne gehört es zu den Dingen, die mir wirklich fehlen. Im granatapfelduftendem Wasser, Limo und Schokolade greifbar, mit Blick auf Siena komme ich ins Grübeln, was mir eigentlich sonst noch so fehlt.

Punkt eins bleiben Familie und Freunde

Trotz aller schönen neuen Medien sind die Kontakte mit sehen, anfassen und vor allem gemeinsam etwas erleben schlicht unersetzlich. Besonders meine beiden besten Freundinnen fehlen mir sehr. Wir alle mit Job und Nachwuchs gesegnet, haben  zwar auch unter normalen Bedingungen selten Zeit für Treffen aber ein bisschen Zeit finden wir eben doch immer.

Meine Schwiegereltern haben uns in Athen besucht, meine Eltern werden vermutlich in Frankreich zu uns kommen. Für die Großeltern ist es natürlich auch ein bischen traurig das erste Lebensjahr des Enkels kaum mitzuerleben. Dieses eine Treffen innerhalb von acht Monaten ist da auch nicht rasend viel.

Der Duden sagt: „große Sehnsucht nach der fernen Heimat oder einem dort wohnenden geliebten Menschen, bei dem man sich geborgen fühlte“ ist die Definition von Heimweh. Dann habe ich wohl ein Wort für mein Empfinden und das wo ich doch sonst immer unter Fernweh leide.

Routine

Punkt zwei der fehlenden Dinge ist eine Routine. Ich bin Routinen mehr verhaftet als ich selbst gedacht hätte. So gelingt es mir seit zwei Monaten nicht regelmäßig Sport in unseren unsteten Alltag zu integrieren, obwohl ich jeden Tag merke, wie mir mehr Kraft und Beweglichkeit im Umgang mit meinem Sohn gut täten. Ohne regelmäßigen Sport wird das auch nichts mit dem Afterbabybody und dem Wíndsurfen und das würde mir langfristig noch mehr fehlen. Hier muss unbedingt eine Lösung her.

Auch regelmäßiges Kochen ist mitunter schwierig und wird allzuoft mit gesundheitlich fragwürdigen Alternativen ersetzt. Beides scheitert schon an der simplen Frage, wo kann ich denn hier entlang joggen beziehungsweise wo kann ich denn hier die Zutaten für unsere Lieblingsgerichte bekommen.

 

Ich merke aber wie wir immer schneller darin werden an einem neuem Ort, die für uns wichtigen Punkte herauszufinden und uns soweit einzurichten oder eher auszubreiten, dass wir schon am nächsten Morgen ein Wohlgefühl haben. Schönes Beispiel, war der Morgen auf der Fähre von Griechenland nach Italien. Unsere Stühle und ein Teppich für den Kleinen und schon war die Nische auf dem Parkdeck unser Kreuzfahrtfrühstücksdeck. Vielleicht bin ich doch schon näher dran an einer Reiseroutine als ich befürchte.

Arbeit

Hier gibt es eine klare Differenz zwischen meinem Mann und mir. Ihm fehlt die Arbeit eher nicht so, mir fehlt sie sogar sehr.

Mancher wird diesen Punkt vielleicht so gar nicht nachvollziehen können. Ich habe das Glück eine Arbeit zu haben, die mir in vielen Punkten entspricht, in der ich einen Sinn sehe, der für viele Menschen Auswirkungen hat und in dem ich (zumindest von einigen Kollegen) geschätzt werde. In der Maslowschen Bedürfnispyramide sind damit eine Menge Punkte erfüllt. Natürlich auch das Fundament, die Gewährleistung physiologischer Grundbedürfnisse durch ein angemessenes Einkommen.

Mir fehlt die intellektuelle Herausforderung, das verbale Sparring in immer neuen Themen mit den tollen Kollegen und sogar die Auseinandersetzung mit den Kompetenzattrappen. Ich hoffe, dass letztere mir die Freude am Job nicht gleich am ersten Arbeitstag wieder austreiben und ich durch die Erfahrung dieser Auszeit wieder lange Freude am Job und auch eine ganze Weile Kraft für ihn habe.

Insofern ist diese Erkenntnis ein echter Gewinn, es ist definitiv etwas Gutes die Dinge die man hat, wertschätzen zu wissen.

Die wenigen Dinge

Punkt vier sind einige wenige gegenständliche Dinge, wie meine Badewanne oder mein Backofen aber das ist alles schon weit weniger dramatisch und vielleicht eher ein „ach wäre schön jetzt zu haben“ als ein „ich weiß nicht wie ich ohne länger auskommen soll“.

 

Mich bringt das auf einen anderen Gedanken:

Was braucht man wirklich? Was ist Ballast – im gegenständlichen wie im emotionalem Sinne? In der Kleiderfrage wird Fast Fashion immer stärker kritisiert und ich bin mit meiner persönlichen Challenge für mich ja auch schon dran. Auch zum Thema Spielzeug scheint vielen die Frage nach wieviel ist zuviel immer mehr Eltern umzutreiben.

Im Wohnmobil ist man zwangsläufig limitiert. Als wir ans Packen gingen,  fragten wir uns häufig was müssen wir einpacken und worauf können wir verzichten. Noch häufiger kam aber der Gedanke:  Ohjee wie sollen wir nur alles nötige für acht Monate auf 14 Quadratmetern unterbringen, das ist unmöglich!

Jetzt nach drei Monaten fällt uns auf, dass wir noch kein einziges Mal etwas gegenständliches wirklich ernsthaft vermisst haben. Statt dessen habe ich nicht annähernd alle Klamotten in meinem Bestand getragen und mein Liebster hat noch nicht ein einziges Mal seine Nintendo Switch benutzt, die extra für die Reise unbeding angeschafft werden musste. Unser Zwerg benutzt exakt drei Spielzeuge und hat ein gehäkeltes Einhorn, das eine liebe Freundin uns mal geschenkt hat, zum liebsten Beissding erklärt. In drei Monaten hatte ich nie den Eindruck, dass er schon gelangweilt oder unterfordert ist. Am spannendsten sind für ihn ohnehin  die Dinge, die wir ganz normal benutzen, ob nun Löffel oder Zahnbürste.

 

Wie kann es sein, dass wir auf 14 Quadratmetern alles dabei haben und daheim auf wirklich weitaus größerer Fläche dauernd das Bedürfnis haben etwas neues zu kaufen?

Was uns nicht fehlt

Für mich sehr aufschlussreich ist es die Frage umzukehren: was brauchen wir nicht? Wobei sich für mich da mehr Fragen als Antworten ergeben.

Shoppen?

Daheim bin ich ein kleiner Shopaholic. Ich gehe gerne bummeln und kaufe gerne schöne Dinge, im Laden wie auch online. In den letzten drei Monaten hatte ich nur einmal in Athen dazu Gelegenheit. Gekauft habe ich ausschließlich Material für mein Hobby. Schon früher schlummerte die Erkenntnis, dass shoppen eine Flucht in rasche Glücksgefühle durch Jagderfolge im mitunter tristem Alltag ist. In unserem derzeitigem absolut untristem Alltag, ist das obsolet.

 

Die Minimalismusbewegung, die sich immer häufiger in meine Timeline spült, zieht daraus die Erkenntniss, dass man einfach viel weniger kaufen sollte. Sich weniger dem Materialismus hingeben sollte, der ja doch kein langfristiges Glück mit sich bringt. Im Gegensatz zu anderen Dingen des Lebens. Stimmt alles, trotzdem weiß ich nicht, ob mir das daheim gelingen wird. Erkenntnis im Kopf hin oder her, das Stammhirn verlangt nach Dopamin und wenn der Alltag wieder einkehrt, soll man sich da das greifbare kleine Glück verwehren? Mit Blick auf Produktionsbedingungen und Umweltauswirkungen vieler Dinge muss man das geradezu. Nur wodurch ersetzen? Die Dinge die langfristiges Glück versprechen kosten zwar oft weniger Geld aber dafür viel Zeit. Welcher Mensch mit Job und Kindern hat die ???

Zukunftsgedanken?

Man könnte sie sich erkaufen durch verkürztes Arbeiten, weniger Geld = mehr Zeit. Aber dafür auch mehr Sorge um die Zukunft, denn die wird mit dem Geld ja auch abgesichert. Wer weiß was uns die Ausbildung unseres Sohnes kosten wird? Wer weiß wie weit die Lebenshaltungskosten in Deutschland noch weiter steigen? Wer weiß ob das Rentensystem noch bis zu unserem Renteneintritt existiert?

Meine Vermutungen: qualitativ akzeptable Schule und Studium wird einen Arsch voll Geld kosten, unser staatliches Schulsystem ist ein Desaster. Lebenshaltungskosten werden noch deutlich weiter steigen, ich sehe in Griechenland und Italien, dass in Deutschland das Verhältnis zwischen Einkommen und Lebenshaltungskosten vergleichsweise unfassbar gut ist. Das kann unmöglich ewig so bleiben. Das Rentensystem kann nicht mehr lange funktionieren. Ein Umlagesystem, das in Zeiten globaler Überbevölkerung und nationalen Umgreifens prekärer Beschäftigungsverhältnisse auf weiterem Wachstum sozialversicherungspflichtig arbeitender Bevölkerung basiert, muss irgendwann implodieren.

 

Darüber kann ich mich ewig zerdenken und stoppe in dem Punkt: Zukunftssorgen fehlen mir mal so gar nicht! Die kann ich sehr gerne weiterhin vom Meeresrauschen übertönen lassen.

Die Mutterstadt?

Wir wohnen in Berlin, einer Großstadt in der wir beide auch aufgewachsen sind. Das Bewegte, immer aktive Helle, Laute, das Chaos, die unzähligen Menschen…Wir kennen es nicht anders und sind Teil davon. Was mir aber gar nicht fehlt ist das latent Aggressive und das Gegenstück, das permanent Ängstliche. In der Bahn sitzen und offensichtlich auf Krawall gebürstete Menschen zu sehen und ihnen gegenüber Menschen in angespannter, geduckter Haltung und alle schauen sie irgendwohin, nur nicht dem Gegenüber lächelnd in die Augen. Vielleicht ist das auch nur meine letzte Erinnerung an diese Stadt. Bei Seed heisst es so schön: „Dickes B oben an der Spree – Im Sommer tust du gut und im Winter tuts weh“. Wir haben die Stadt im Winter verlassen und der letzte Sommer ist ja irgendwie ausgefallen.

 

Andererseits hat Peter Fox auch schöne Worte zu Berlin gefunden: „Und ich weiß, ob ich will oder nicht – Dass ich dich zum Atmen brauch“.

 

Da bin ich dann wohl doch wieder beim Heimweh…

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