Echte Elternzeit
Wochenbett mit Vater

Wochenbett mit Vater

Wochenbett wird in Deutschland unterbewertet

Auf Facebook bin ich in einer Gruppe für Mütter die aus verschiedenen Gründen per Kaiserschnitt entbinden werden oder bereits entbunden haben. Die dort mit Abstand am häufigsten gestellte Fragen lauten: „Wann wart ihr nach dem Kaiserschnitt wieder fit?“ oder „Was kann ich tun, um nach dem Kaiserschnitt schnellstmöglich wieder fit zu werden?“. Als wäre es ein Wettbewerb wer am schnellsten wieder „funktioniert“. Dabei glaube ich nicht mal, dass das ein Egoding ist, sondern eher eine Angelegenheit des Drucks von aussen. Zu funktionieren und das bitte perfekt und im most fuckable After-Baby-Body (Danke an Carolin Kebekus für diesen grandiosen Begriff) scheint heute eine Standarderwartung an Mütter zu sein. Viel zu viele Frauen ergeben sich diesem Anspruch ohne Wiederspruch. Ich erhebe Einspruch!

Was ist Wochenbett?

In der Schwangerschaft wird man nicht nur ein bisschen dick. Frau erschafft neues Leben. Sie pumpt dafür bis zu 1,5 Liter zusätzliches Blut in zwei verschiedenen Blutgruppen durch den eigenen Körper, verschiebt und staucht sämtliche vorhandenen Organe, ein Organ vergößert sich auf das 7-fache und ein weiteres wird mal eben komplett neu erschaffen (für Ahnungslose: Gebärmutter und Plazenta). Falls jetzt ein geneigter Leser bei sich denkt:“Ach frau ist doch nur schwanger, nicht krank“, möge er sich bitte einen 15 kg Medizinball vor den Leib binden, ein Glas Salzwasser trinken, eine Handvoll Steinchen in die Schuhe werfen und dann zur Arbeit gehen, ein paar Einkäufe erledigen und anschliessend in der Bahn vergeblich darauf hoffen, dass ihm jemand einen Sitzplatz anbietet. Die Geburt ist ein Finale mit der Wahl zwischen Leid und Elend. Egal auf welchem Wege man entbindet, man lässt massiv Federn und behält an der einen oder anderen Stelle tiefe Narben zurück, nicht wenige Frauen noch zusätzliche auf der Seele (siehe Roses Revolution Day).

Das Wochenbett dient dazu dem Körper Gelegenheit zu geben sich zurück zu transformieren und sich von diesen Strapazen zu erholen. Hebammen beziffern die Dauer des Wochenbettes dafür auf mindestens acht (!!!) Wochen.  Siehe hier: https://www.vonguteneltern.de/warum-das-wochenbett-acht-wochen-dauert/

Ist das nicht Wohlverdient? Sollte nicht jede Frau für diese physische Leistung Wertschätzung erfahren und die Möglichkeit zu einem echten Wochenbett bekommen? Wie sieht es denn für die meisten Frauen aus? Wenn sie Glück haben, nimmt der Partner ein oder zwei Wochen Urlaub und geht dann wieder arbeiten. Sie bleibt daheim und kümmert sich um den Rest, also um Säugling, Haushalt, Papierkram (unfassbar wie viele Verwaltungsakte von Eltern verlangt werden) und gegebenenfalls die bereits vorhandenen Kinder. Um alles aber kaum um sich selbst. Allermeist ist es schlicht Notwendigkeit weil das Finanzielle nichts anderes zulässt und genau das ist ein Skandal. Denn dieser gesellschaftliche Zustand spielt meiner Meinung nach mit nicht weniger als mit der Gesundheit von Frauen. Wochenbett ist nicht zufällig ein Wortkonstrukt in dem das Wort „Bett“ enthalten ist und Rückbildung ist keine nice-to-have Angelegenheit, bei der es um den hübschen flachen Bauch von früher geht, sondern unter anderen, um die Wiederherstellung der unentbehrlichen Funktion des Beckenbodens.

Echtes Wochenbett geht nur mit Vater

Was muss geschehen, um das Wochenbett wieder seinem Namen gerecht werden zu lassen? Wir brauchen eine Väterschutzzeit, die den Mutterschutz erst zu einer echten Schutzzeit werden lässt. Es nützt ja wenig, das frau eine zeitlang nicht im Beruf tätig sein muss, wenn sie dennoch zu Hause alle Arbeit hat. Die Väter sollten mit der selben Selbstverständlichkeit acht Wochen ab Entbindung daheim bleiben dürfen, vollbezahlt und voll kündigungsgeschützt, um den Müttern echten Mutterschutz und echtes Wochenbett zu ermöglichen! Ganz nebenbei würde das Familien einfach gut tun, sich finden zu dürfen, Bindung aufzubauen und zu stärken und Kraft zu tanken für alles was dann erst wirklich beginnt. Es gibt doch diese lauter werdenden Masculinisten, die für mehr Gerechtigkeit bei Unterhalt und Sorgerecht nach Scheidungen kämpfen. Wo sind die denn wenn es um Gleichstellung bei der Familienarbeit geht? Ich frage mich hier wirklich warum es keine Männergruppen gibt, die sich dafür einsetzen, die ersten Wochen nach der Geburt ihres Kindes ebenso geschützt zu sein wie Frauen.

Ich habe das Glück den Vater meines Kindes an meiner Seite zu haben. In den letzten Wochen durfte ich eine echte Wochencouch geniessen und wäre ohne dies ganz sicher nicht so fit wie ich es jetzt bin. Obwohl wir weder ein Schreibaby, noch eines mit Anpassungsstörungen oder gar Krankheiten haben, ist es unfassbar anstrengend einem so kleinem Wesen gerecht zu werden. Schlafmangel gilt nicht umssonst als anerkannte Foltermethode, es zermürbt einen und zermalmt jegliches Leistungsvermögen zu Staub. Sonst ein Mensch der schnell denkt und mehrere Themen gleichzeitig bearbeitet, bleibt von mir ein schwacher Abglanz meiner Selbst, der stolz ist eine Mail am Tag zustande zu bekommen oder wenigstens die eigenen Zähne zu putzen. Hier gilt ein ganz klares entweder /oder. Ich könnte jetzt detailliert beschreiben wie der Tag mit Säugling aussieht aber ganz ehrlich: wer einen hat, weiß was ich meine und wer noch nie einen hatte, wird es sich nicht vorstellen können. Ich hab ja auch mal zur zweiten Gruppe gehört und die Augen verdreht, wenn ich las oder hörte was Mütter versuchten mir zum dem Thema mitzuteilen (mea culpa an dieser Stelle).

Vorteil gemeinsamer Elternzeit

Schon nach nur sechs Wochen kann ich das erste Fazit ziehen:

Gemeinsame Elternzeit ermöglicht echtes Wochenbett und das wiederum ist für die Erholung von Schwangerschaft und Geburt und somit auch für die langfristige Gesundheit der Mütter ein großes Plus.

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